Epic Book Battle: Sage versus Feyre

Gelegentlich lese ich auch Bücher, die nichts mit Fantasy zu tun haben – zuletzt Donna Tartts großartigen Roman „Die geheime Geschichte“. Ich wage mich aber auch in jüngere realistische Gefilde vor – nämlich in die sogenannte New-Adult-Literatur, auch wenn ich ein paar Vorbehalte bezüglich der Oberflächlichkeit des Genres hege. Denn zu oft geht es für mich in diesen Liebesgeschichten um Frauen, die an emotionaler und/oder physischer Zerbrechlichkeit leiden, sich dann wahlweise in einen tätowierten Rockstar, Biker oder Millionär verlieben und in einer total unausgeglichenen Beziehung das Glück ihres Lebens finden – und dabei wird unfassbar viel rumgemacht. Ziemlich vorhersehbar, aber wenn ich einfach nur anspruchslos unterhalten werden will, dann kann mich ein solcher New-Adult-Roman durchaus fesseln.

Und wenn er dann noch auf der Spiegel-Liste ganz nach vorne rückt, dann schaue ich mir einen solchen Bestseller auch aus beruflichem Interesse an. Deshalb habe ich „Berühre mich. Nicht“ von Laura Kneidl gelesen – und direkt im Anschluss (als Kontrastprogramm sozusagen) den Roman-Doppelgänger aus dem Fantasy-Genre, nämlich „Das Reich der sieben Höfe – Dornen und Rosen“ von Sarah J. Maas. Beide Bücher sind für junge weibliche Erwachsene geschrieben, allerdings hat mich diese Lektüreerfahrung mal wieder gelehrt, warum Fantasy der Realität unbedingt vorzuziehen ist. Und um euch an diesem Wissen teilhaben zu lassen, habe ich statt zweier gewöhnlicher Buchrezensionen folgendes gewählt: den Epic Book Battle – frei nach dem ähnlich lautenden Rap-Videos. Bitteschön:

Battle KNeidlMaas

Round 1: Vornamen:

Die Protagonistin aus „Berühre mich. Nicht“ heißt wie das englische Wort für Salbei – „Sage“ (aufgrund des Settings amerikanisch auszusprechen). Na gut, immerhin besser als Lovage (= Liebstöckl). Allerdings konnte ich mich nach der Lektüre nicht mal mehr an Sages wenig markanten Namen erinnern …

Die menschliche Protagonistin „Feyre“ (laut Roman Fey-ruh auszusprechen) hingegen ist – laut der Exbösewichtin des Romans – „ein alter Name aus der früheren Sprache unserer Vorfahren“, der Fae nämlich. Wenn das mal nicht deutlich cooler als ein Gartenkraut ist, weiß ich es auch nicht.

Feyre wins.

 

Round 2: Erster Satz:

Sage sagt diesen Satz nicht nur zu Beginn des Buches, sondern gefühlt hundert Mal: „Ich habe keine Angst. Die Angst ist nicht real.“ Angesehen davon, dass der zweite Satz den ersten ad absurdum führt, punktet Laura Kneidl damit, dass sie ihr Buch mit dem zentralen Mantra ihrer Protagonistin beginnt – ein cleverer Schachzug. Wir werden den Grund von Sages Angst gegen Ende des Buches erfahren – und ihn bis dahin noch ein paar Mal lesen …

„Der Wald war ein Irrgarten aus Schnee und Eis.“ Rein das Setting beschreibend beginnt Sarah J. Maas ihr Buch. Konservativ, gefällig, langweilig. Feyres Mantra hätte theoretisch sein können: „Ich werde euch Fae alle töten!“ – das hätte ihr zum Sieg verholfen.

Sage wins!

 

Round 3: Letzter Satz:

Nach 464 Seiten entlässt uns „Berühre mich. Nicht“ mit folgendem Satz: „Doch jeder Schritt war eine Qual und trieb einen stechenden Schmerz geradewegs in meine Brust.“ Pathetisch, niederschmetternd, frustrierend. Und ganz klar: Weil die Story nicht abgeschlossen ist, will die Autorin die Lektüre ihres Folgebuchs aufzwingen. Gemeiner Trick. Hat bei mir aber nicht funktioniert.

Nach 480 Seiten verabschiedet sich Feyre von uns mit den Worten: „“Gehen wir nach Hause“, sagte ich und nahm seine Hand.“ Offen, versöhnlich, fast ein bisschen kitschig. Genau so mag ich romantische Roman-Enden.

Feyre wins!

 

Round 4: Story:

Beide Romane sind Geschichten über Traumata: In „Berühre mich. Nicht“ beginnt die mittellose Protagonistin Sage einen Neuanfang am College und versucht, die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters zu verkraften. Harter Tobak und gerade in #metoo-Zeiten bedeutsam, weil ein solches Buch so viele junge Leserinnen erreicht. Aber: Eine College-Story wie diese bietet genau das als dramaturgischen Höhepunkt, was man von ihr erwarten kann: eine Studenten-Party mit Protagonistin im Abendkleid inklusive versuchter Vergewaltigung – was sich schlimmer anhört als es ist: In Wirklichkeit hat ein fremder Mann Sage auf dem Heimweg von der Party nur nach dem Weg fragen wollen … Am Ende des Buches trennt sich Sage von ihrem Love-Interest Luca mit den hochdramatischen Worten: „Ich gehe, weil ich nicht mit dir zusammen sein will.“ Das tut so richtig weh. Nicht.

Die Protagonistin aus „Das Reich der sieben Höfe“ kennt sich mit Armut ebenfalls gut aus und versorgt ihre Familie Katniss-Everdeen-gleich mit selbst gejagten Wild, um nicht zu verhungern. Noch dazu ist Feyre ausgestattet mit vielen emotionalen Schattenseiten: Ihre verstorbene Mutter hat sie abgelehnt, eine ihrer Schwestern hasst sie und ihr Vater ist ein untätiges Weichei. Dennoch ist Feyre im Gegensatz zu Sage stark und eine Protagonistin, die einem als Vorbild dienen kann – nämlich wie man überlebt. Und zwar selbst wenn man von einem schrecklichen Untier entführt und in ein verbotenes Land hinter einer Mauer verschleppt wird. Und dort wartet das eigentliche Trauma erst auf Feyre, als sie nämlich im Reich unter dem Berg von der Erzbösewichtin Amarantha drei unmenschliche Aufgaben gestellt bekommt, um sich und das versklavte Volk der Fae zu befreien. Ein großer Höhepunkt! Im letzten Drittel des Romans wird die Protagonistin so richtig schön und facettenreich gebrochen – und das bietet Stoff, um Buch 2 und 3 um jeden Preis lesen zu wollen (was mir bei Laura Kneidls Stoff leider nicht notwendig schien).

Feyre wins!

 

Round 5: Bad Boys:

Der tätowierte Luca ist das Love-Interest von Sage. Zuerst wirkt er unnahbar, viel zu cool und vögelt jede Nacht eine andere Studentin. Tagsüber arbeitet er mit der eingeschüchterten Sage in der Unibibliothek und katalogisiert den Bestand, weil er nichts mehr liebt als Bücher und Listen. Im Laufe des Romans wird Luca zum Pancake backenden Kuschelbär, der Sage am liebsten nur im Arm hält und nur ganz behutsam aufdringlich wird.

Tamlin hingegen ist eine Bestie mit Klauen, Hörnen, Fell und Zähnen! Der Highlord aus „Das Reich der sieben Höfe“ entführt Feyre, zwingt sie aufgrund einer Blutschuld an seinem Frühlingshof zu leben und offenbart sich und seine Geheimnisse nur nach und nach der äußerst neugierigen Geisel. Sehr spät verlieben sich die beiden (Tamlin hat zum Glück auch eine masketragende Fae-Gestalt) – und das Beste: Feyres Lovestory ist mit Tamlin noch längst nicht zu Ende erzählt und nimmt einen unerwarteten Verlauf. Es gibt nämlich noch einen anderen Mann in ihrem Leben … Und auch Tätowierungen spielen in diesem Buch eine Rolle – allerdings ist es Feyre, die sie trägt.

Feyre wins!

 

Round 6: Sex:

Zum Glück hat die keusche Twilight-Jungfräulichkeit dieser neuen Generation an Genre-Literatur ausgedient. Besonders im New-Adult-Genre gehört Sex zwingend dazu. So auch bei Laura Kneidel. Hier wird ordentlich berührt, gefummelt und entdeckt – wobei Protagonistin Sage nicht nur Jungfrau ist: Sie hatte noch nie einen Orgasmus! Natürlich hilft Luca ihr bei diesem Problem … Puh!

Feyre hingegen ist eine sexuell aktive und selbstbestimmte Frau, die dem Leser gleich zu Beginn erklärt, dass sie sich regelmäßig mit einem Dorfjungen in einer Scheune zum Vögeln verabredet. Was dort im Detail passiert, erfährt der Leser zum Glück nicht – erst als sich die sexuelle Spannung zwischen Feyre und Tamlin aufbaut und es gegen Ende des Buches zum eigentlichen Akt kommt, findet auch Sarah J. Maas viele Worte, um alles Erotische zu beschreiben. Für meinen Geschmack zu viele. Puh!

Ausnahmsweise Gleichstand!

 

Round 7: Bücher:

Vielleicht denken junge weibliche Autoren, die Bücher für junge weibliche Leser schreiben, die wiederum gerne Bücher lesen, dass man diese am meisten begeistert, wenn man Bibliotheken in den Plot einbaut. Tatsächlich ist das bei Laura Kneidl der Fall, die ihre Protagonisten sich in einer dunklen Bücherkammer sich erst anschweigen und dann näherkommen lässt. Überhaupt scheinen Bücher aus Luca erst einen netten belesenen Menschen zu machen. Fair enough.

Dennoch gefällt mir viel besser, wie Sarah J. Maas ihre für die Leserschaft obligatorische Bibliothek verpackt. Sie kommt zwar erst in den Folgebüchern von „Das Reich der sieben Höfe“ vor, aber sie ist so toll konzipiert, dass ich sie für den Battle gelten lasse: Sie befindet sich unter einem Berg, wird von verstümmelten Priesterinnen geführt und am Boden einer langen Treppe verbirgt sich kein schlecht gelaunter Bibliothekar – sondern ein toter Gott. Wenn das nicht cool ist …

Feyre wins!

 

Das Ergebnis dieses Battles ist ganz klar: Fantasy hat so viel mehr Möglichkeiten, ein und dieselbe Story so viel tiefgründiger, selbstbewusster und origineller zu erzählen. Protagonistinnen wie Feyre sind Vorbilder, obwohl sie Opfer sind. Und nicht zuletzt scheint sich auch Laura Kneidl zukünftig lieber in phantastischen Gefilden aufzuhalten. Immerhin handelt ihr neues Buch „Die Krone der Dunkelheit“ von einem sagenumwobenen Land jenseits einer Mauer, das von rätselhaften Fae und blutdürstigen Elva bewohnt wird, so der Klappentext. Ach ja, und die Protagonistin heißt Freya, was man ja fast als Fey-ruh aussprechen könnte.

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2 Kommentare zu „Epic Book Battle: Sage versus Feyre

  1. Ein sehr schöner Beitrag
    – du hast wirklich einen beißenden Humor 😀
    In den meisten Punkten stimme ich dir auch zu. Das mit der Reich-der-Sieben-Höfe Bibliothek war leider ein ziemlicher Spoiler, da ich erst den zweiten Band gehört habe. Aber da bin ich irgendwie auch selbst schuld, wenn ich deinen Blogbeitrag trotzdem lese.
    Danke für dein Battle 😉

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