Galaxis ohne Heldinnen … Warum darf Jyn den Todesstern eigentlich nicht selbst bauen?

Der Tod von Carrie Fisher hat mich wirklich berührt, und lange habe ich mich gefragt, warum das so ist. Ich habe mehrere Antworten darauf gefunden; die naheliegendste ist leider sehr platt: Ich hätte sie so gern in Episode VIII als General Organa gesehen. Schließlich war es ein echtes Vergnügen, Leia in „Das Erwachen der Macht“ nach Jahrzehnten wieder zu begegnen, und ich hatte große Erwartungen an den Ausbau ihrer Rolle in der Fortsetzung (wer soll denn Kylo Ren nun in den Arsch treten?). Disney wird das storytechnisch sicher lösen, da sich die Drehbuchschreiber ja an keinerlei Kanon mehr zu halten haben, und dank CGI könnte Leia wie in „Rouge One“ auch einen Verlegenheitsauftritt erhalten. Aber darum geht es nicht wirklich; das ist nicht der Kern meiner Enttäuschung.

Stattdessen berührt mich, dass die fiktive Geschichte einer meiner zentralen Kindheits- und Jugendheldinnen nun zu Ende ist. Unwiderruflich. Und dieses Gefühl ist genauso stark wie die einstige Freude, die ich über die Nachricht empfunden habe, dass Carrie Fisher in Episode VII wieder in die Rolle der Leia schlüpft. Denn auch wenn sich das kollektive Gedächtnis an Prinzessin Leia über ihr Erscheinungsbild als Bikini tragende Zimtschnecke erinnern wird – mir bleibt sie vor allem als starke Identifikationsfigur meines jugendlichen Ichs in Erinnerung: Eine Frau, brünett statt blond, die man nicht auf ein hübsches Gesicht reduziert und aufgrund ihrer zierlichen Körpergröße verharmlost, sondern die rotzfrech ein hohes politisches Amt bekleidet und sich als einzige Frau in einer absoluten Männergesellschaft behauptet. (Nach wie vor ist Leia die einzige „Prinzessin“, die ich neben Pocahontas akzeptiere. :-))

In den letzten Jahrzehnten habe ich mir natürlich noch andere Role-Models auserkoren: Reale Frauen wie Uni-Professorinnen, Kolleginnen, Freundinnen, Sängerinnen – oft aber immer noch Frauen aus Fiktion in Buch, Film und Serie. Und natürlich könnte Star Wars mit seiner rasant wachsenden Figurenwelt immer noch dazugehören (schließlich habe ich kein Problem damit, mich als Mitte dreißig Jährige mit „frischeren“ Frauen zu identifizieren :-)). Aber nachdem ich „Rouge One“ gesehen hatte, musste ich feststellen, dass das nicht funktioniert – obwohl sich die Macher der neuen Filme so viel Mühe geben, mit ihren neuen weiblichen Figuren moderne Identifikationsangebote für Frauen zu schaffen. Warum sprechen mich die neuen Star-Wars-Heldinnen nur einfach nicht an?

Wer steht denn eigentlich als aktuelle Identifikationsfigur für mich zur Verfügung? Ray und Jyn heißen die neuen Heldinnen, die mir Star Wars anbietet. Zwei auf den ersten Blick wehrhafte Frauen, hübsch, aber alles andere als Disney-Prinzessinnen, brünett statt blond, in praktischer Survivalklamotte statt wahlweise schlichtem oder opulentem Adelskleid. Klingt gut für mich. Aber: Warum sehen sich die beiden so verdammt ähnlich? (Die äußerliche Ähnlichkeit von Ray und Jyn verleitete manche Fans sogar soweit, im Vorfeld zu denken, dass Jyn Rays Mutter ist und „Rouge One“ die Vorgeschichte von „Das Erwachen der Macht“ erzählt.) Zu glauben, dass einem Fiktionsgiganten wie Disney die Ideen bei der Ausformung von Protagonisten ausgeht, halte ich für zu kurz gedacht. Ich bin überzeugt: Da muss ein Plan dahinter stehen.

Und ich habe eine Vermutung: Die Macher wagen es nicht, ihre Fans zu enttäuschen – und zwar die männlichen. Seit Carrie Fishers Darstellung der Leia hat sich bei Star Wars der dunkelhaarige Frauenprototyp bewährt: Leia hat diesen Prototyp geformt, Padmé Amidala hat ihn mit etwas mehr Make-up wiederholt, Ray hat ihn neu interpretiert, aber grundsätzlich beibehalten, und Jyn als Ray-Klon lediglich nochmal abgerufen und das Laserschwert gegen den Blaster getauscht. Das Idealbild der Frau in Star Wars ist hübsch, brünett, langhaarig – aber homogen. Ganz im Gegenteil zum heterogenen Aussehen der realen weiblichen Star-Wars-Fans weltweit. Wenn es den Machern um die ginge, dann gäbe es Star-Wars-Protagonistinnen jeder Hautfarbe, jeder Haarfarbe, jeden Schönheitsgrads. Und was spricht eigentlich gegen nicht-menschliche Heldinnen, schließlich sind wir im Genre Space Opera! Offensichtlich hat sich bei Disney/Star Wars die Meinung manifestiert, dass ein vorrangig männliches Nerd-Publikum mit Interesse an SFF-Genre ein bestimmtes übergreifendes Frauenideal besitzt, dessen Ästhetik seit Jahrzehnten bewusst reproduziert wird. Und deshalb dürften wir wohl auch in Zukunft nicht mit blonden, rothaarigen oder gar fellbesetzten Kick-Ass-Heldinnen in der Galaxis rechnen.

jynrayJetzt aber zurück zu mir: Ich suche mir meine Identifikationsfiguren zum Glück nicht anhand der Haarfarbe aus, sondern anhand ihrer Story. Ihren Entscheidungen. Ihren Zielen. Und hier stoßen wir zu meinem eigentlichen Problem mit den neuen Star-Wars-Heldinnen vor – ihre Inhaltsleere. Die lässt sich hervorragend bei Ray und Jyn beweisen, und zwar im Vergleich zu Padmé Amidala. Diese ist zugegebener Maßen selbst ein Leia-Klon – zu ihrer Verteidigung kann man sagen, dass Padmé sich als Leias Mutter inhaltlich gar nicht so weit von ihrer Tochter entfernen darf. Zudem hat sie als Königin, Senatorin und Loverin absolut vergleichbare Funktionen wie Leia zu erfüllen. Dennoch glaube ich der Padmé aus Episode 1, denn sie hat 1) eine bedeutsame Vorgeschichte (wow – schon vor der Begegnung mit den Jedi ist sie Königin!), 2) echte Probleme (ihr Planet steht vor dem Krieg) und 3) und ein eigenes ehrenwertes Ziel (sie will den Fall der Republik verhindern). Wenn man diese drei Parameter an Ray ausprobiert, passiert folgendes:

Ray hat

1) eine unbekannte Vorgeschichte (aus der der Zuschauer absichtlich ausgeschlossen wird),

2) Probleme, die keine sind (sie wartet – gähn!) und

3) das Ziel, einem Unbekannten ein Lichtschwert zu überbringen. Wow. DHL lässt grüßen.

 

Mit Jyn passiert etwas ganz ähnliches: Sie hat

1) eine Vorgeschichte als Verbrecherin (in die der Zuschauer aber leider keinen Einblick erhält),

2) das Problem, dass sie ihren Vater vermisst (typisch für eine echte Schurkin) und

3) das Ziel, gewisse Baupläne zu finden, eigentlich will sie aber nur ihren Papi retten. Herzergreifend.

 

Mit Ray lasse ich vorerst noch Gnade walten, schließlich werden die nächsten Filme ganz klar Antwort auf die Frage finden, woher sie kommt und wohin sie geht. „Rouge One“ hat diese Möglichkeit aber nicht, weil der Stoff zu Ende erzählt ist. Umso enttäuschter bin ich von Jyn bzw. den Drehbuchschreibern. Wann gelingt es euch, weibliche Figuren im Star-Wars-Kosmos vor großem Publikum in Szene zu setzen, die weder Abziehbild ihrer Vorgängerinnen sind oder Mittel zum Zweck der männlichen Akteure wie Luke Skywalker oder Galen Erso? Wie lange dauert es noch, bis eine Figur wie Jyn selbst die Baupläne des Todessterns entwirft statt sie zu stehlen? Wie lange wollt ihr warten, bis jemand wie Ray selbst auf die Suche nach ihrer Vergangenheit geht, anstatt darauf zu vertrauen, dass ihr jemand sagt, wo es lang geht? Auf einen Nenner gebracht: Baut doch mal runde Frauenfiguren mit Tiefgang, eigener Agenda und echter Fallhöhe, die mehr sind als zu füllende Gefäße für Männer.

Im Kleinen gelingt dies zum Glück schon, nämlich bei Ahsoka, der vor allem unter Kids ahsoka-coverbekannten TV- und Buchheldin aus „Star Wars: The Clone Wars“ und „Star Wars Rebels“, deren Karriere als Padawan von Anakin Skywalker beginnt und die später zu einer Rebellin wird und Darth Vader herausfordert. Hier haben wir es mit einer überzeugenden Frauenfigur mit großem Entwicklungspotenzial, echten Problemen und eigenen Entscheidungen zu tun, die aber leider nur einem kleinen Star-Wars-Publikum vorgeführt wird, von der ich aber gern mehr sehen würde. Und ganz wichtig: Ahsoka ist kein Mensch, sondern ein Togruta und entzieht sich damit dem optischen Erwartungsdruck ihrer menschlichen Fans. Ein großer Vorteil, wenn man einer Alienrasse entstammt. Vielleicht werden wir Ahsoka irgendwann auch in einem der Blockbuster-Filme begegnen – immerhin hat es ihr Clone-Wars-Kollege Saw Gerrera in Gestalt von Forest Whitaker bereits geschafft und die Formatgrenze von Serie zu Film übersprungen.

Traut euch mal, Disney. Ihr würdet nicht nur euren männlichen, sondern eben auch euren weiblichen Star-Wars-Fans einen großen Gefallen tun, wenn ihr uns nicht mit euren homogenen Prototypen langweilen würdet.

 

P.S.: Und wenn ihr gar nicht wisst, wie ihr das anfangen sollt: Bei der Ewok-Schurkin Trek aus dem Game „Knights of the Old Republic“ habt ihr schon mal alles richtig gemacht, ganz nach der Formel „Mach aus extrem niedlich extrem böse“.

trek

 

Quellen:
http://picclick.de/Hasbro-Star-Wars-Rogue-one-Basisfigur-Sergeant-Jyn-152269231846.html
https://dcp.smugmug.com/Press-Releases/Star-Wars-Wave-2/n-j4NSTr/i-kksccwK
https://www.amazon.com/Star-Wars-Ahsoka-E-K-Johnston/dp/1484705661/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1484298037&sr=8-1&keywords=ahsoka

2 Kommentare zu „Galaxis ohne Heldinnen … Warum darf Jyn den Todesstern eigentlich nicht selbst bauen?

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