Teenage Mutant Fantasy

Zur Zeit bin ich abwechseld galaktische Schrottsammlerin, Elfenprinzessin mit grünem Daumen und Cinderella-Cyborg. Für mich als Fantasy-Fan, dem eine große Imaginationsgabe von Haus aus eigen ist, grundsätzlich kein Problem. Und dennoch: Was Kino, TV und Belletristik gerade mit mir anstellen, verwundert mich. Denn überall herrscht der Trend zum Teenagertum und zwar nicht nur, was mir die Unterhaltungsindustrie anbietet, sondern *oh schreck* auch was mir gefällt.

Über zwanzig Jahre ist es her, als ich als Teenager meinen ersten High-Fantasy-Klassiker zu lesen begann. Seitdem sind ein paar Jahre vergangen; Fantasyliteratur lese ich aber noch immer. Doch die Romane, die ich zuletzt verschlungen habe, stammen von ganz anderen Autoren als Tolkin & Co.: „Die rote Königin“ von Victoria Aveyard, „Obsidian“ von Jennifer Armentrout und „Wie Monde so silbern“ von Marissa Meyer. Sie alle sind Fantasybestseller – und astreine Teenagerstoffe. Hier wird gegen Eltern rebelliert, sich in finstere Wesen und getarnte Prinzen verliebt und altbekannter Märchenstoff neu erfunden. Kein Wunder, dass Metaebene, Anspruch, Sprachschliff in diesen Büchern weniger gefragt sind. Und doch ist das Lesevergnügen für mich ein ganz großartiges gewesen … Leide ich an intellektuellem Rückschritt – oder existiert eine neue Qualität in Teenager-Fantasystoffen?

Wil Ohmsford (Episode 106)Zur Zeit strahlt Amazon Prime „The Shannara Chronicles“ aus – die TV-Verfilmung von Terry Brooks Fantasyzyklus „Shannara“. Diese Bücher habe ich mit 14 Jahren verschlungen und mich nun auf die Verfilmung im Staffelformat gefreut. Zu befürchten stand allerdings, dass ein „Game of Thrones“-Klon entstand, der halbherzig auf den megaerfolgreichen TV-Fantasyzug aufzuspringen versucht. Doch die Macher haben einen ganz eigenen Weg gefunden, und so ist aus dem klassischen Highfantasyroman voller Elfen, Druiden und Zaubersteinen eine grellbunte dystopische Serienwelt entstanden, die zwar den ein oder anderen erzählerischen Schwachpunkt besitzt, aber mich als erwachsenen Zuschauer zu fesseln vermag – und das obwohl die „Shannara Chronicles“ eindeutig für Teenager verfilmt wurden. Dass die Serie in den USA auf MTV läuft, sagt eigentlich alles. Da überrascht es nicht, dass die Protagonisten extrem jugendlich besetzt sind und sie zudem (jenseits von Terry Brooks eigentlicher und todernster Queste) diverse zwischenmenschliche Teenieprobleme lösen müssen.

Ein Szenario, das für jeden Fan originalgetreuer Highfantasy-Verfilmungen den Todesstoß darstellen dürfte. Doch ich bin angenehm überrascht von den Möglichkeiten, die diese Neuinterpretation geschaffen hat: Zum Beispiel brachte mich schon der ein oder andere knackige Spruch zum Lachen („Hast du gar keinen Respekt vor den elfischen Traditionen?“ – „Nein, nur vor den Partys“) und dass plötzlich die Mode der realen Welt Einzug in eine phantastische Welt hält. Einen Halbelf, der Beaniemütze trägt und im Emo-Hoodie die Prinzessin beschützt, hatte ich noch nicht gesehen – aber (und jetzt kommt’s): Er gefällt mir so. Und wenn ich damit nicht allein bin und MTV erfolgreich ist, dann muss man sich die Frage stellen: Ist der Fell besetzte Ned-Stark-Style, dank dem man auf den ersten Blick jeden Fantasystoff als solchen enttarnen konnte, etwa von waschechten Teenagern abgelöst worden?

ReyOptisch seinen Vorgängern ganz und gar treu geblieben ist hingegen der neue Starswars-Film – und auch in Sachen Kostüm, Musik, Motivik und Figurenkonzeption gibt es bei „Das Erwachen der Macht“ keine Überraschungen. Dass wir es mit einem astreinen Teeniestreifen zu tun haben, ist auch klar – dem trägt die Verfilmung durch Disney Rechnung. Und doch schafft es dieser Blockbuster im Gegensatz zu Episode I, dass nicht nur die Kids, die heute Starwars-Lego und mit den passenden Actionfiguren spielen, sondern auch die Fans der ersten Stunde begeistert oder zumindest einverstanden sind. Und das gelingt unter anderem deshalb so gut, weil wir es statt mit dem 9-jährigen Anakin mit drei ausgewachsenen Teenagern als Protagonisten zu tun haben, die – Überraschung! – gegen Eltern rebellieren, sich in finstere Wesen und getarnte Prinzen verlieben und altbekannten Märchenstoff neu erfinden. Der Teenie-Trend funktioniert also auch umgekehrt: Starwars schafft aus einem Teeniestoff einen neuen Klassiker, während Shannara einen Klassiker neu als Teeniestoff entdeckt.

Wer in der Fantasy mit Teenagern arbeitet, macht gerade viel richtig, egal ob als Autor von Romanen, Serienskripts oder Blockbusterdrehbüchern. Und wir erwachsene Rezipienten sollten Werke dieses Fantasybereichs nicht auf den Teenagerfaktor reduzieren – sonst könnte es passieren, dass wir einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Fantasygenres verpassen: Nämlich seine jugendliche Wiedergeburt nach „Harry Potter“, „Der Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“.

 

Bilder:
http://thepub.viacom.com/sites/mtvpress/Shows/Pages/The-Shannara-Chronicles-.aspx
https://dcp.smugmug.com/Press-Releases/Star-Wars-Wave-2/n-j4NSTr/i-kksccwK

 

 

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